Märchen des Monats

 

 


 Juli  2019


Der Vogel in des Königs Brust


Märchen aus Griechenland (Thessalien)

 

Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten drei Kinder - zwei Söhne und eine Tochter. Die Söhne waren mutig und stark, die Tochter - die war halt ein Mädchen.

Jeden Morgen sprach der König mit Helios, dem Sonnenherrn, der der Bruder des Königs war - d.h., ich muss es richtig erzählen: Nicht der König selber sprach mit ihm, sondern der kleine Vogel, der in der Brust des Königs lebte, sprach mit Helios. Wenn der Vogel mit Helios gesprochen hatte, ging die Sonne auf und es wurde hell.

Eines Nachts kam ein Drakos in den Palast und raubte den Vogel aus der Brust des Königs, als dieser schlief, und als der König am nächsten Morgen mit seinem Bruder Helios reden wollte und den Mund öffnete, blieb in seiner Brust alles still, aus seiner Kehle kam kein Laut, kein Ton. Da ging der Sonnenherr Helios traurig fort, verhüllte sein Haupt und weinte. Der König aber wurde sehr, sehr krank. Die Sonne erhob sich nicht mehr am Horizont und es blieb dunkel auf der Erde - nicht ganz dunkel, aber düster. Und das war es, was der Drakos gewollt hatten, denn die Dunkelheit ist die Zeit der Draken. Viele Menschen sind damals in jenem Reiche krank geworden an Leib und Seele, und es hat nichts genützt, dass die Priester gesungen und die Ärzte Arzeneien gemischt haben.

Die Draken aber haben sich vermehrt, sind nachts in die Häuser der Menschen eingedrungen, habe viele getötet und das Land verwüstet. Was sollte man tun? Gerne hätte der König seinen Bruder Helios um Rat gefragt, aber er war ja verstummt.

Eines Tages betrat ein alter Einsiedler den Palast und verlangte den König zu sprechen. Er wurde vor ihn geführt und sagte: "Herr König, das Land liegt in Dunkelheit und das ist für uns alle ein großes Unglück! Aber es gibt einen Menschen hier im Schloss, der uns allen helfen kann."           "Wer ist das?" flüsterte der König. "Sag es schnell, damit ich ihn herbeirufen lassen kann!"                                               "Es ist deine Tochter! Sie ist die einzige, die die Kraft dazu hat!"                                                                                            "Nein," erwiderte der König, "meine Tochter ist so..., sie ist so.......Meine beiden Söhne, die sind stark und mutig! Sie können uns retten."                                                            "Nun", sagte der Einsiedler, "Du wirst ja sehen wer Recht hat. Alles Unglück liegt daran, dass der Drakos Dir den Vogel aus deiner Brust gestohlen hat! Der Vogel muss aus der Gewalt der Draken zurückgeholt werden. Dann wird das Glück wieder ins Land kommen, denn dann kann Helios die Sonne wieder aufgehen lassen!"                                                                "Gut, gut", flüsterte der König, "aber wie kann man den Vogel zurückstehlen?"                                                                     "Ja, das ist eben sehr schwierig. Der Vogel ist in einem Käfig. Der Käfig hängt in einem Saal. Der Saal ist mitten im Drakenschloss. Um zum Vogel zu gelangen, muss einer tief in das Schloss eindringen - aber niemand kann in den Saal gelangen, weil über dem Schloss ein gewaltiger Zauber liegt. Jeder, der über die Schwelle tritt, versinkt augenblicklich in einen tiefen totenähnlichen Schlaf aus dem er nicht erwacht. Nur Deine Tochter kann wach bleiben."                                    "Ausgerechnet dieses Mädchen! Sie ist eine rechte Schlafmütze, die sogar schon bei Tisch eingeschlafen ist! Nein, meine Söhne sollen den Vogel holen! Sie sollen eben genug Kaffee trinken, dann werden sie wohl wach bleiben."                                                                             "Nun, Du wirst es ja sehen! Denk an meine Worte!" warnte der Alte, verließ das Schloss und wanderte zurück in seine Einsiedelei.


Der König lässt also seinen ältesten Sohn rufen, und berichtet ihm, was der Einsiedler gesagt hat. "Geh also und hole den Vogel zurück. Pass aber auf, dass Du nicht einschläfst." sagt er ihm zum Abschied.


Der älteste Königssohn geht und geht. Endlich erreicht er den Palast der Draken. Das Tor steht offen und er tritt über die Schwelle. Kaum hat er seinen Fuß in den Gang gesetzt, als ihn eine unbezwingbare Müdigkeit überfiel. In einer Ecke sank er nieder, und sofort schlief er tief und fest.


Der König wartete eine lange Zeit auf die Rückkehr seines ältesten Sohnes, dann schickte er den Zweiten los mit dem selben Auftrag. Aber auch dem erging es nicht besser als dem Älteren. Kaum trat er über die Schwelle des Drakenschlosses, sank er schon um und schnarchte.


Der König wartete und wartete. Im Land wurde es immer dunkler, kaum konnten die Menschen noch die Hand vor Augen sehen. Die Draken schlichen immerzu zwischen den Menschen herum, und wohin sie traten, verwüsteten sie alles.  Es ist kalt geworden im Königreich und die Angst überwältigte das Volk fast. Der König weiß sich keinen Rat mehr, und da lässt er endlich doch seine Tochter holen.

Als sie vor ihn tritt, fragt sie: "Väterchen, warum hast Du mich vor Dich gerufen?"                                                              "Ach Tochter, Du Liebling Deiner Mutter, ich....weißt Du....ich bin krank und brauche Deine Hilfe." flüstert der König.            "Ich helfe Dir gerne, Vater. Was soll ich tun?"                           "Ja, das ist es eben", antwortet der König, "ein Drakos hat mir den Vogel aus meiner Brust gestohlen und darum kann ich nicht mehr mit Helios, meinem Bruder sprechen. Darum bin ich krank und Helios ist so traurig, dass er die Sonne nicht mehr leuchten lassen kann. Deine Brüder sind schon ausgezogen, um den Vogel zurück zu holen, aber sie sind nicht mehr wiedergekehrt. Ich brauche aber den Vogel, sonst wird das Volk sterben und die Draken werden alles zerstören."                                                                          "Und wo ist der Vogel, Vater ?"                                                 "Der ist im Palast der Draken. Aber ein starker Zauber liegt über dem Schloss. Jeder, der die Schwelle überschreitet, fällt in einen todesähnlichen Schlaf."                                           "Ich werde zum Schloss der Draken gehen und der Herrgott wird mir helfen." sagt die Königstochter mit fester Stimme.      "Ja, geh mit Gott, meine Tochter", sagt der Vater.


Die Königstochter ging in die Kapelle und betete inbrünstig, dass es ihr gelingen möge, den Vogel zu holen, damit das Volk nicht länger leiden müsse und der Vater geheilt würde. Als sie ganz versunken da kniete, hörte sie auf einmal das leise Zwitschern eines Vögelchens und als sie lauschte, verstand sie, was der Vogel sang: "Schatz der Mutter, lass mich mit Deinem Onkel Helios sprechen. Höre genau zu und tu dann alles, was er uns sagen wird."

Zur Morgenstunde geht die Königstochter auf den Berg, um Helios zu begegnen. Und wie sie ihn sieht, öffnet sie ihren Mund und aus ihrer Brust singt ihr Vogel: "Helios, Du bist traurig und Dein Bruder, der König, ist krank. Darum kann er Dich morgens nicht mehr begrüßen!"                                     "Was ist geschehen?"                                                             "Ein Drakos hat dem König den Vogel aus seiner Brust gestohlen und in seinen Palast gebracht. Was können wir tun, um ihn zurückzuholen?"                                                            "Ach, der Vogel ist in dem Palast, in dem die Dunkelheit herrscht und der Schlaf und der Tod. Ich sage Dir, was ihr tun könnt. Deine Herrin soll zur Bienenkönigin gehen, und sich von ihr eine kleine Kerze aus rotem Wachs machen lassen. Morgen soll sie mit der Kerze um die gleiche Zeit wieder hierher kommen. Dann sage ich Euch, was ihr weiter tun müsst."


Die Königstochter macht sich gleich auf den Weg zur Bienenkönigin. Als sie am Bienenstock ankommt, wird sie schon von der Bienenkönigin erwartet.                                    "Ich weiß es schon, Du brauchst ein Kerzlein aus rotem Wachs. Das will ich Dir gerne geben, denn auch wir Bienen müssen sterben, wenn nicht bald die Sonne wieder leuchtet, so wie früher." Und sie gibt der Königstochter eine kleine rote Wachskerze.

Am nächsten Morgen steht die Königstochter wieder auf dem Berg und erwartet Helios. Als er ankommt fragt er: "Habt ihr die Kerze?" Und der Vogel antwortet aus dem Mund des Mädchens: " Ja, wir haben sie."                                       "Dann will ich sie segnen. Wenn ihr zum Drakenschloss kommt, zündet sie an, bevor ihr über die Schwelle tretet. Das Licht hat die Kraft, die Dunkelheit, den Schlaf und den Tod zu bändigen. Das Böse wird schlafen und das Gute wird wachen. Geht mit Gottes Segen!"


So ist die Königstochter mit dem Vogel in ihrer Brust mutig hinunter gegangen in das Reich der Draken. Dort war es finster und kalt. Vor dem Tor des Palastes hat sie ihr Kerzchen angezündet, hat sich ein Herz gefasst und ist hineingegangen ohne einzuschlafen.                                 Nahe beim Eingang sah sie den ältesten Bruder liegen. Als sie über ihn hinweg stieg, fiel ein Tropfen des roten Wachses auf seine Stirn. Da erwachte er, sah sich erstaunt um und fragte: "Ach, wie lange habe ich geschlafen?"               "Lange, mein Bruder, sehr lange.", antwortete die Schwester. Dann ließ sie auch einen Tropfen Wachs auf die Stirne des zweiten Bruders fallen, und auch er schlug die Augen auf.   "Ach was habe ich seltsam geträumt. Ich dachte, der Drakos hätte mich gefressen!" ...                                                           "Psst, seid einmal still! Hört ihr nicht Vaters Vogel singen? Wartet draußen vor dem Tor auf mich, ich werde den Vogel holen."

Mit der brennenden Kerze ging sie durch den Palast. Überall lagen Draken und schliefen. Ohne Furcht ging sie an ihnen vorbei, immer auf den Gesang des Vogels zu.                        Endlich kam sie in einen großen Saal. In der Mitte stand ein goldener Käfig, in dem war der Vogel des Vaters gefangen. Sie öffnete das Türchen, hielt dem Vogel ihre offene Hand hin und er kam sogleich geflogen und ließ sich darauf nieder. Auf der einen Hand Vaters Vogel und in der anderen das brennende Kerzchen, ging sie den Weg durch das Schloss zurück.

Als sie durch das Tor trat, erlosch die Flamme. Der Vogel schmiegte sich in ihre Hand, und gemeinsam ging sie mit ihren Brüdern zurück in das Reich ihres Vaters.

Der Vogel schlüpfte gleich wieder in die Brust des Königs und der wurde im selben Augenblick gesund. Nun konnte er wieder jeden Morgen seinen Bruder Helios begrüßen und der hatte wieder die Kraft, die Sonne aufgehen zu lassen. Die Welt wurde wieder hell und warm.


Als der König alt war und es Zeit wurde, seine Krone weiterzureichen, setzte er sie nicht seinem ältesten Sohn auf, wie es Sitte war, sondern seiner Tochter, die, wie er selbst, den Vogel in der Brust trug, der mit Helios sprechen konnte.


Quelle: Nacherzählt nach einer Aufzeichnung von H.C.Heim und F.Karlinger, die das Märchen 1984 auf einem Marktplatz in Thessalien hörten.                      Nacherzählung A.Hachenberg



 


 

 

 

 

 

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